Wir schaffen das nicht, sagen Parteien und Bevölkerung. Sagt sogar die CDU in Bonn. Dieser massenhafte Andrang an Flüchtlingen. In Wellen fluten sie die Straßen, 150 und mehr am Tag. Wir können nicht noch mehr tun, meinen sie. Das ist Unsinn. Natürlich schaffen wir das. Es wird nicht einfach, aber es wird gehen.

Denn bisher haben die meisten der Kritiker noch gar nichts getan. Außer zuzuschauen, Facebook zu lesen und sich zu empören. Nur werden die meisten immer mehr. Denn jetzt dringt die Flüchtlingskrise in die Bonner Wohlfühlzone vor. Bislang war es nur das Gefühl, dass sie da sind. Manchmal sieht man ein paar, wobei man nie weiß, ob es nicht UN-Mitarbeiter sind. Denn bislang wurde nur Leerstand belegt. Das ist jetzt vorbei.

Wie egoistisch die Unkenrufe des Scheiterns sind, zeigt sich in der Aussage des Stadtsportbunds. Dort treten Leute aus Vereinen aus, weil sie nicht mehr in Hallen trainieren können. Diese werden jetzt für Flüchtlinge gebraucht, was der Bund bereits im November ahnte.

Statt zu sagen, „das ist mein Beitrag zur Flüchtlingshilfe“ und weiter die Vereine zu unterstützen, auch wenn es nur eingeschränkte Gegenleistung gebe, dreht man den Geldhahn zu und meldet sich ab. Oder startet sogar eine Petition. Das ist egoistisch. Und zwingt die Vereine dazu, sich gegen Flüchtlinge auszusprechen.

Wir können auch zwei Millionen Flüchtlinge problemlos ernähren in Deutschland. 2005 waren 4,86 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Heute sind es 2,79. Anders als damals brummt die Wirtschaft dazu noch, sprudeln die Einnahmen. Wir müssten noch nicht einmal woanders sparen.

Wir müssen keine Angst haben, dass vermeintlich deutsche Werte und Kultur dadurch vernichtet werden. Wer Werte hochhält und befolgt, wer an die Kraft der Gesetzgebung glaubt, muss keine Angst haben. Und schon gar nicht nationalistischen Schlägertrupps beitreten, die vorgeblich für Recht und Ordnung sorgen wollen, in Wahrheit aber die Stadtgemeinschaft zersetzen. Werte sind nie in Gefahr, solange man sie aktiv vorlebt und durchsetzt.

Und was wäre Bonn heute ohne die kulinarische Vielfalt, die Einwanderer mitgebracht haben? Ein Land der Kartoffeleintöpfe. Was spricht überhaupt gegen kulturelle Vielfalt? Wer weiß schon, wie viele von denen, die heute am meisten gegen vermeintliche kulturelle Überfremdung hetzen, das letzte Jahr nicht zweimal in der Kirche, dafür auf einer der Halloweenparty waren, vor deren Besuch sie sich bei McDonalds einen Burger reingepfiffen haben. Vielfalt bedeutet nicht Überfremdung, sondern neue Alternativen.

Wir können die Leute auch integrieren, denn die meisten Flüchtlinge wollen dies auch. Das erfordert Anstrengung. Und es gibt Leute, die sich bereits jetzt dafür aufopfern. Aber selbst wenn man sich nicht aktiv daran beteiligen will: Dann sollte man einfach die Füße still halten. Nicht sich täglich fürchten vor der Zukunft. Ob 3000 oder 6000, sind es im Vergleich zur Stadtbevölkerung nicht mehr als ein überstarker Studentenjahrgang.

Und für die Unterbringungsknappheit wird es bis Juli eine Lösung geben, wenn Politik und Verwaltung an einem Strang ziehen.

Was wir nicht können: Behaupten, dass wenn man nur oft genug Nein sagt, niemand mehr vor Krieg, Armut oder Verfolgung flüchtet. Behaupten, dass man Grundrechte mit einer Obergrenze beschränken kann. Das wäre ungefähr so, als wenn man sagt: Meinungsfreiheit ja, aber nur bis zum 10. Kommentar unter jedem Facebookpost. Dann ist die Grenze der Aufnahmefähigkeit des Moderators erreicht. Behaupten, dass es einfache Lösungen gibt. Behaupten, dass man sich in einer schrumpfenden Welt mit Grenzen abschotten kann. Aus einem Verein austreten, weil man nicht trainieren kann.

Wir schaffen das. Selbst, wenn nicht jeder persönlich etwas tut. Wir schaffen das auch, weil wir es müssen. Denn alles andere würde die Werte verraten, die die Nachkriegsdeutschen sich mit dem Grundgesetz gegeben haben und für die wir alle einstehen müssen: Dass jeder Mensch gleich viel wert ist. Ein Recht darauf hat, Schutz vor Verfolgung und Vernichtung zu suchen. Dass niemand vom Staat alleine gelassen wird. Um diese Werte geht es jetzt. Und Werte verteidigen kostet eben manchmal ein paar Euro und Nerven mehr, als sie aufzugeben.

Wir können die Flüchtlingskrise nicht in Bonn lösen, das wird in Berlin, Brüssel, Washington und Moskau geschehen. Dort muss man Druck machen, das Fluchtursachen angegangen werden.

Aber wir können die Bonner Stadtgesellschaft davon abhalten, sich aus egoistischen Interessen unsozial zu verhalten.