Bonn – Derzeit wird im Planungsausschuss eine Vorlage diskutiert, in der es um den Umbau des Bonner Talwegs geht. Dort fahren Straßenbahnen, gibt es links und rechts der Straße Parkplätze, die einen furchtbar engen Bürgersteig noch mehr verengen, sowie Autos die in zweiter Reihe parken. Sehr zum Leidwesen eines flüssigen Verkehrs übrigens. Radfahrer meiden die Straße tunlichst, nicht nur wegen des anstregenden Verkehrs, sondern weil die reale Gefahr eines Sturzes dank der Gleise, sich öffnender Autotüren und losfahrender Autos besteht.

Eine Vorlage der Verwaltung sieht nun mit verschiedenen Varianten vor, diese Straße umzubauen, sodass Fußgänger, Radfahrer und der ÖPNV besser durchkommen. Dafür müsste das Parken in zweiter Reihe aber beendet werden.

Die Geschäfte sind dagegen. Sie glauben, dass dann keine Lauf, beziehungsweise Fahrkundschaft mehr kommt. Denn die parken offenbar immer in zweiter Reihe, springen dann in den Laden, kommen 30 Sekunden später mit ihren Produkten wieder heraus und fahren weiter.

So die Legende. Dass man dann auch mal zehn Minuten in zweiter Reihe parkt, dass vielleicht mehr Leute dort einkaufen gehen würden, wenn man besser die Gehwege entlang flanieren könnte, mit dem Rad besser durchkäme? Davon ist keine Rede.

Die Koalition aus CDU, Grüne und FDP hat Zweifel an dem Konzept der Verwaltung. Teils ist die Kritik richtig, so ist nicht ganz klar, warum man für extrabreite Bahnen planen sollte. Ihre Hauptbedenken sind aber tatsächlich, dass man nicht mehr in zweiter Reihe parken könnte.

 

Die Koalition führt aus:

Eine Gleisverlegung verbunden mit dem Verlust der bewirtschafteten Parkstände und der davor gelagerten Haltezone an der Geschäftszeile lehnen die Geschäftsleute strikt ab. Sie fürchten um ihre Existenz, weil gerade die Kunden, die für Einkäufe hier kurz halten, einen Großteil ihrer Kundschaft ausmacht. Die Haltezone in Verbindung mit der Parkzeile vor dem Bürgersteig bedeutet für die Geschäftsleute Kunden- und damit Existenzsicherung. Die Befürchtungen der Geschäftsleute sind nicht unberechtigt, denn die Geschäfte im südlichen Bereich des Bonner Talwegs berichten von einem  massiven Rückgang  der Zahl ihrer Kunden nach Umbau der Straße.

Mit dem südlichen Teil ist das Gelände rund um die Reuterstraße gemeint. Dort, wo man als Radfahrer abends den stehenden Verkehr teils umfahren kann, sofern der Schutzstreifen frei bleibt.

Die bunte Mischung der Geschäfte  ist nicht nur Versorgungszentrum für die Anwohner, sondern macht einen großen Teil des besonderen Flairs in der Südstadt aus. Der Erhalt der Geschäftszeile in der Südstadt ist für die Antragsteller wichtig.
Auch wird den Antragstellern nicht klar, warum auf diesem kurzen Teil-stück eine Beschleunigung der Linien 61/62 notwendig ist.

Parken in zweiter Reihe ist letztlich dafür verantwortlich, dass es in der Südstadt einen besonderen Flair gibt? Grundsätzlich muss man sich doch fragen, in was für einer Stadt wir leben wollen. In einer Südstadt, in der man bedenkenlos und ohne Angst Fahrrad fahren kann, in der zwei Kinderwägen nebeneinander am Gehweg vorbeikommen, dank breiterer Gehwege und Radwege, die den Namen verdienen? In eiiner Stadt, in der der ÖPNV Vorrang hat?

Oder in einer, in der Autofahrer mit ihren Autos bis in die Geschäfte hineinfahren wollen, den Verkehr und besonders den Radverkehr dabei massiv behindern und zum Stocken bringen? Die in zweiter Reihe, am besten noch mit laufendem Motor, halten? In der Bahnen mit Hunderten Fahrgästen warten müssen, weil sie dank eines Parkers in zweiter Reihe nicht weiterkommen, und sich der gesamte Verkehr staut?

Am Talweg sind in letzter Zeit eine hübsche Zahl an Geschäften, Restaurants und Cafés entstanden, deren Kundschaft kein Problem damit hat, mit Bus, Bahn und Rad unterwegs zu sein.

Fahrradhauptstadt 2020

Und dann ist da noch das Konzept der Fahrradhauptstadt 2020. Eine Idee, die in Bonn durch jede verkehrspolitische Entscheidung bislang Makulatur blieb. Mit Fahrradstraßen, durch die Autos fahren dürfen und die weitab von jeder Notwendigkeit sind. Mit Verkehrsschutzstreifen statt Radwegen. Mit Ampelanlagen und Kreuzungen, die oft lebensgefährlich für Radfahrer sind. Eine Förderung konnte man bislang nicht wirklich erkennen.

Irgendwann muss man sich auch entscheiden: Will man eine Stadt, in der man sich in dreißig Jahren noch freut zu leben? In der Autos für den Individualverkehr zurückstecken müssen, in der man gerne Rad fährt, in der Verkehrslärm und Abgase keine Rolle spielen?

Fußgängerzone

Als man vor 40 Jahren in Bonn die erste Fußgängerzone einweihte, war die Kritik der Geschäftsinhaber riesig. Man fürchtete, dass die Kundschaft ausbleiben würde, dass die Leute keine Lust hätten, ihre Autos irgendwo zu parken und dann erst in die Geschäfte zu kommen.

Heute ist die Bonner Fußgängerzone überaus beliebt. Auch deshalb, weil (in der Theorie) keine Autos mehr durch die engen Straßen fahren, Parkplätze suchen, kurz in zweiter Reihe halten, sich ein paar Schuhe ansehen.

Vielleicht sollte man beim Talweg genauso mutig vorgehen wie bei der Fußgängerzone, und eine Straße schaffen, die für alle Menschen attraktiv ist. Und nicht nur für Autofahrer, die keine Lust haben ein paar Meter zu laufen.

Vielleicht würde der Bonner Talweg sogar einen Aufschwung gewinnen, eine Art fünftes Einkaufszentrum werden, neben Beuel, Godesberg, Duisdorf, der Innenstadt. In vier davon sind Autos auf der Einkaufsstraße übrigens eher unerwünscht.